Kunde Interview Prof. Dr. Andrea Belliger, PHZ, Luzern

Pädagogische Hochschule Zentralschweiz, Luzern

Prof. Dr. Andrea Belliger Leitung Bereich Dienstleistungen

partekk/Bajna: Frau Prof. Dr. Belliger, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen für dieses Experten-Statement. Sie sind Expertin im Bereich E-Learning, welches Sie auch unterrichten. Was genau ist Ihr Tätigkeitsbereich und wo unterrichten Sie E-Learning?

Ich leite die Weiterbildungsmasterstudiengänge E-Learning und Wissensmanagement am Institut für Kommunikationsforschung in Luzern. Und der zweite Masterstudiengang ist “Educational Technologies” an der Pädagogischen Hochschule in Luzern. Das sind zwei Studiengänge, die sich explizit mit dem Thema “Lernen mit Neuen Medien” auseinandersetzen.

partekk/Bajna: “E-Learning” ist heute ein sehr weit gefasster Begriff. Wie würden Sie diesen Begriff heute definieren? Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Merkmale?

“E-Learning” hat sich in den letzten Jahren als Oberbegriff herauskristallisiert. Wir hatten diverse Begriffe, die man benutzt hat, z. B. “Online-Education”, “Blended Learning” usw. Und wie sich die Begriffe geändert haben, haben sich auch die Definitionen geändert. Wenn Sie nach einer aktuelleren Definition fragen, würde ich sagen, dass eine, die bereits 3 bis 4 Jahre alt ist, von Michael Kerrer, nach wie vor eine gute Definition ist. Er hat gesagt, dass E-Learning alle Formen von Lernen beinhaltet, bei denen mit digitalen Medien Inhalte präsentiert und verteilt werden und zusätzlich zur Unterstützung der zwischenmenschlichen Kommunikation zum Einsatz kommen.

Das Gute an dieser Definition ist der Fokus auf dem zweiten Teil, und zwar auf der Unterstützung der Kommunikation. D. h. in diese Richtung hat sich E-Learning entwickelt, weg von Technik. Ganz lange stand das “E” von E-Learning im Zentrum. Man hat sich stark um die Technik bemüht; erst in den letzten Jahren fiel der Fokus auf Lernen an sich oder so etwas wie eine didaktische Kommunikation. Im Web-2.0-Zeitalter ist sicher Kommunikation und informelles Lernen stärker das, was E-Learning aussagt.

partekk/Bajna: Interessant. D. h. E-Learning ist ein weit gefasster Begriff, mit dem an sich jegliche Kommunikation über das Internet gemeint ist?

Jede Form von didaktischer Kommunikation. Wenn ich z. B. Skype einsetze und mit jemandem spreche, dann nenne ich dies noch nicht “E-Learning”. Aber sobald eine Art von Wissensvermittlung oder Wissensaneignung stattfindet, das muss nicht in einem formellen Kontext sein, dann ist es bereits E-Learning. Der Begriff lässt sich also sehr breit fassen.

partekk/Bajna: Okay. In diesem Falle würden Sie auch Blogs oder Podcasts unter dem Begriff “E-Learning” subsumieren?

Ja, auf jeden Fall. Wenn Sie für diesen Zweck eingesetzt werden.

partekk/Bajna: Also nicht zwingend. Wenn der Blog “nur” informativen Charakter hat, wird dies so definiert.

Doch schon. Ich habe eine Reihe von Blogs abonniert, welche mir viele Informationen geben. Ich lege diese verschiedenen Informationen zusammen und ziehe daraus meine Schlüsse. Dies ist für mich eine Art von Lernumgebung.

partekk/Bajna: Es gibt ja das Schlagwort “Rapid eLearning”. Wie definieren Sie diesen Ansatz? Wo sehen Sie die Vor- und Nachteile?

“Rapid eLearning” ist ein schwieriger Begriff, weil das Wort “rapid”, d. h. “schnell”, ein schnelles Erstellen von interaktiven Lerninhalten impliziert. Das ist es aber eigentlich nicht. Ich würde sagen, dass es relativ einfach ist, interaktive Lerninhalte zu erstellen, aber nicht unbedingt “schnell” geht. Es muss ja doch viel Zeit in den sauberen Aufbau der Inhalte investiert werden. Die Erstellung danach ist “schnell”. Im Gegensatz zu Autoren-Tools, welche man früher hatte, wie Authorware oder ToolBook, die professionell betrieben werden mussten, kann man mit Rapid eLearning einfach Inhalte erstellen. Ich sehe die Vor- und Nachteile im “rapid”. Für Fachexperten und -expertinnen ist es mit Rapid eLearning-Tools sicher einfach, ihre Inhalte online zu stellen. Es verleitet aber auch dazu, unsauber mit dem Inhalt umzugehen, und dies ist sicher ein grosser Nachteil. Der Ansatz von “rapid”, eben schnell zu verteilen, birgt diese Gefahr in sich.

partekk/Bajna: “Rapid eLearning” ist ja abgeleitet von dem Begriff “Rapid Prototyping” und bezeichnet ja auch ein bisschen die Art und Weise, wie man Rapid  eLearning entwickelt, im Gegensatz, wie Sie es vorher gesagt haben, zu den relativ komplexen Authoring Tools. Sehen Sie das auch so?

Ja, durchaus.

partekk/Bajna: Wo vor allem, aus Ihrer Sicht, macht Rapid eLearning Sinn – also der Einsatz von Werkzeugen und Konzepten in diesem Bereich?

Es macht dort Sinn, wo die Herstellung von
E-Learning-Content ganz nah an den Fachexperten gekoppelt ist. D. h. kleine KMUs z. B., wo man gar nicht so ein Umfeld hat, wo man ein ganzes Entwicklerteam engagieren kann, um Lerninhalte zu erstellen. Also dort, wo man spezialisierte Inhalte für eine relativ kleine User-Gruppe hat, macht es Sinn. Oder bei Inhalten, welche sehr schnell angepasst werden müssen. Es macht auch Sinn im Rahmen eines grösseren didaktischen Settings im schulischen Bereich, wo man ganz spezifische Inhalte durch Lehrpersonen umsetzen kann.

partekk/Bajna: Präsenzunterricht, so sagt man zumindest, ist ja immer noch das Beste, weil man den Schüler vor sich hat und ihm Wissen vermitteln kann. Wie sehen Sie das Zusammenspiel dieser verschiedenen Möglichkeiten mit E-Learning?

Ich glaube, es stimmt nicht mehr ganz, dass Präsenzunterricht in jedem Falle die bessere Methode ist. Ich sehe E-Learning, Rapid  eLearning-Ansätze als eine Methode, die, je nachdem welche Art von Wissen ich vermitteln möchte, durchaus auch sinnvoller sein kann als Präsenzunterricht. Wir in unserem Umfeld von Masterstudiengängen setzen z. B. E-Learning, jetzt im Sinn von Rapid Content-E-Learning, ein, wenn wir schnell Wissen vermitteln möchten. Konkret z. B. dann, wenn wir den gleichen Wissensstand unter den Studierenden garantieren möchten. Wenn sie zum Präsenzunterricht kommen, dann bieten wir E-Learning-Content an. Das gibt die Möglichkeit, im eigenen Tempo die allfälligen Wissenslücken noch zu schliessen.

partekk/Bajna: Im Rahmen Ihres Unterrichts zeigen Sie Ihren Schülern das Authoring Tool Articulate, Rapid eLearning Studio 09. Das ist ein spezielles Werkzeug aus dem Rapid eLearning-Bereich. Welche Punkte sind für Sie speziell wichtig? Welche streichen Sie in Ihrem Unterricht heraus? Wie setzen Ihre Schüler diese Software ein?

Wir haben ein Modul im Rahmen unserer Ausbildung, bei dem es sich rund um Autoren Tools dreht, d. h. um Software-Werkzeuge, welche den FachexpertInnen helfen, ihre Inhalte digital umzusetzen. Da zeigen wir verschiedene Tools, unter anderem auch Articulate-Produkte, die gesamte Palette. Wir brauchen es auf der einen Seite, weil dies ein Tool ist, welches schon seit Jahren eigentlich, meiner Meinung nach, Marktleader in dem Segment Rapid eLearning ist. Es ist einfach zu bedienen und auf der Basis von PowerPoint. Das ist eine Software, die praktisch alle zur Verfügung haben und mit der alle arbeiten. Es ist grafisch sehr schön aufbereitet und wird ständig weiterentwickelt, was für uns sehr wichtig ist. Es deckt neue Tendenzen im
E-Learning-Bereich auf.

partekk/Bajna: Was vor allem sehen Sie als Vorteil im Bezug auf dieses Produkt Articulate?

Im Gegensatz zu ähnlichen E-Learning-Tools?

partekk/Bajna: Ja, genau.

Sicher das grafische Erscheinungsbild. Sehr schön, mit wenig Aufwand bringt man sehr schöne Präsentationen zustande. Dann ist da die starke Orientierung auf Flash, welche plattformüber-greifend ist. Ausserdem ist ein Test-Tool integriert und Interaktivität garantiert. Es kann Videos einbinden, Musik einbinden und relativ einfach Animationen mit Musik synchronisieren. Das sind die Vorteile, die ich sehe, gegenüber den anderen Produkten.

partekk/Bajna: Articulate-Produktsuite, können Sie diese weiterempfehlen?

Das kann ich absolut weiterempfehlen. Ich kenne Articulate, seit das Werkzeug auf dem Markt ist, und kann daher sagen, dass Articulate für mich der Marktleader im Segment Rapid eLearning ist.

partekk/Bajna: Okay, vielen Dank.
Das bringt mich gleich zur nächsten Frage: Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des 

E-Learnings von Firmen?

Wenn man auf die letzten 10 Jahre im Bereich
E-Learning zurückschaut, hat man da sehr grosse Schwankungen erlebt. Diese waren meistens an wirtschaftliche Entwicklungen gekoppelt. Man spürte einen grossen Aufschwung im Kontext von E-Business und Internethype. 2001 und 2002 war ein kleiner Niedergang. In den letzten Jahren spürt man eine Konsolidierung, sei es auf Firmenseite bei E-Learning von Produzenten und Anbietern, aber auch eine Konsolidierung im Rahmen von Firmen selbst. D. h. E-Learning ist in grösseren Firmen, zumindest im Rahmen von E-Learning-Centern, etabliert. In KMUs ist es nach wie vor schwierig. Dort ist Rapid E-Learning sicher ein Thema, welches dem E-Learning-Bereich Auftrieb verschaffen könnte. Tendenzen im Bereich
E-Learning in Firmen gehen sicher in Richtung Verbindung von E-Learning und Wissens-management, gibt es strategische Ziele? Im technischen Bereich geht es in Richtung Einbinden von mobilen Endgeräten, MP3-Playern, PDAs, mobilen Telefonen, Notebooks, Laptops. Sicher geht es auch um das Ausloten von Möglichkeiten von interaktiven Methoden der Wissensvermittlung, Web 2.0, welches wir schon kurz angesprochen haben. Wie kann man Blogs, Wikis, RSS-Feeds im Firmenkontext sinnvoll nutzen? Sinnvolle Nutzung heisst nicht, Facebook abschalten, was zurzeit eine Tendenz ist, sondern dass man sich überlegen soll, wie man dies einbinden könnte. Sicher ist auch interessant, für welche weiteren Zwecke man E-Learning einsetzen kann, für interne Schulungen, Kundenbindungen, B2B usw. Diese Themen sind zurzeit aktuell.

partekk/Bajna: Vielen Dank für den Ausblick in die Zukunft. Ich komme somit zur letzten Frage:
Wir befinden uns, so sagt man wenigstens, in einer Krise. Welche Auswirkungen hat, aus Ihrer Sicht, diese Krise auf die Entwicklung von E-Learning in den Firmen?

Das ist sehr schwierig abzuschätzen, weil wir mitten in der Krise stecken. Wenn Sie mir dieselbe Frage in einem Jahr stellen würden, könnte ich Ihnen sicher genauer antworten. Ich habe bei den Leuten, die in diesem Bereich arbeiten, nicht gespürt, dass die interne Nachfrage nach
E-Learning-Produkten zurückgegangen wäre. Dies ist eine Feststellung, welche aber noch verifiziert werden müsste, vielleicht in einem Jahr? Ein bisschen besteht die Gefahr darin, dass man versucht, sehr viele Sachen auf E-Learning oder das Wissensmanagement abzuschieben: im Sinn von Produktivitätssteigerung oder wenn man Leute entlassen hat und dann versucht, die restliche Belegschaft mit E-Learning bei der Stange zu halten. Das ist vielleicht eine Gefahr.

partekk/Bajna: Wieso sehen Sie dies speziell als Gefahr, ist es nicht eigentlich etwas Gutes?

Ja, aber ich denke, dann belastet man E-Learning, und das kann es sich nicht leisten.

partekk/Bajna: Wir haben viele Kunden in diesem Bereich. Gibt es etwas, das Ihnen auf dem Herzen liegt, was Ihnen wichtig ist, etwas, an das man bei diesem Thema denken sollte? Gibt es etwas, das Sie unseren Kunden mitteilen möchten?

Ja, dass man sehr vorsichtig mit den Inhalten und der didaktischen Aufbereitung der Inhalte umgehen sollte. Auch dann, wenn man die Inhalte mit Rapid eLearning umsetzt, schnell und effizient mit Articulate. Man sollte doch sehr sorgfältig mit den Inhalten umgehen, sich sehr gut überlegen, welchen didaktischen Aufbau man wählt, was sinnvoll ist für die Leute, die dann damit arbeiten dürfen. Dies sollte man nicht aus den Augen verlieren. Ich denke, das ist das A und O eines funktionierenden E-Learnings.

partekk/Bajna: Vielen Dank, Frau Belliger, für diese Einschätzungen und diese Informationen. Es war sehr interessant.

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